Von Tschernobyl bis abgesenkte Bordsteinkanten.

…oder warum ich GRÜNER bin. (by Wolfgang Rettich)

Im Jahr 1986 explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl. Damals war ich 8 Jahre alt. Von den dramatischen Auswirkungen hatte ich damals keinen blassen Schimmer. Ein 8-Jähriger interessiert sich zumeist nicht für Atomkraftwerke, sondern darum, wie man weniger Hausaufgaben und mehr Zeit zum Spielen bekommt. Aber Kinder haben oft einen sechsten Sinn. Mir kam damals alles ein wenig komisch vor: Mein Spielplatz war gesperrt, der Sand dort wurde ausgehoben und im Sommer sammelten wir keine Erdbeeren. Irgendetwas war faul, aber richtig verstanden hatte ich es nicht. Zu der Zeit lernte ich auch das Wort Waldsterben und irgendjemand sprang in einen großen Fluss, um zu beweisen wie sauber er wäre. Der Mann – so lernte ich – war der damalige Umweltminister Töpfer. Es waren die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen mein Umweltbewusstsein geweckt wurde. Damals konnte ich die vielen Ereignisse noch nicht zusammenbringen, ich hatte nur Fragen und keine Lösungen. Damals gab es die GRÜNEN schon, aber es vergingen noch gut zehn Jahre bis ich 1999 Mitglied wurde. Damals irgendwo in NRW.

Wahlkampf 2017

Heute, mehr als 30 Jahre nach Tschernobyl, bin ich Landesschatzmeister der GRÜNEN NRW und bewerbe mich für den Landesvorsitz. Einige haben mir zu-, andere abgeraten. Ich war in den vergangenen Jahren Mitglied eines Kreisvorstandes als Sprecher und Schatzmeister, ich war Sprecher einer Landesarbeitsgemeinschaft, bin regelmäßig Delegierter bei Parteitagen, aber auch bei weniger bekannten Gremien wie dem Bundesfinanzrat. Außenstehende wundern sich häufig, wie viele Gremien, Gesprächskreise und Arbeitskreise eine Partei hat. Damals – also 1999 – bin ich bei den GRÜNEN eingetreten, weil ich das Projekt Rot-Grün spannend fand. Besonders weil ich die GRÜNEN spannend fand: wie leidenschaftlich sie stritten und am Ende immer eine Position hatten. Weil sie die gesellschaftlichen Debatten ausgetrugen, vor denen sich andere Parteien scheuten.

Kommunalwahlkampf 2014

Die Zeit ist vergangen. Es ist 2017. Einige meiner Freunde meinen, ich sei ein Parteisoldat geworden. Sie meinen es nicht böse, und es kommt auf den Standpunkt an. Ich debattiere gern mit ihnen: Es sind die besten Gespräche, wenn es um „die Lage“ der Welt geht. Hier müssen sich auch immer wieder unsere GRÜNEN Konzepte und Ideen im Praxistest beweisen – außerhalb der GRÜNEN Blase. In den vergangenen Jahren – gerade in der Landespolitik – hatten unsere Konzepte aber keinen Bestand. Es gab Unmut über eine verfehlte Inklusion, kein verständliche Lösung der G8/G9-Debatte oder einer Hygiene-Ampel, die vielen als bürokratisches Monster erschien. Im direkten Gespräch wurde der Unmut zwar kleiner, aber der Grundtenor blieb: Wir hören nicht zu. Und wahrscheinlich ist da auch etwas Wahres dran. Wir hatten viele Hinweise – sowohl intern als auch extern – und haben sie nicht ernst genommen. Wir brauchen mehr Resonanzböden, um zu verstehen, was die Menschen bewegt, und wo unsere Konzepte nicht fruchten oder gar unverständlich sind. Denn unsere Ziele werden oft nicht verneint, aber unser Weg ist nicht der richtige. Er nimmt die Menschen nicht mit. Wir brauchen mehr Dialog, Gespräche, Diskussion und Austausch mit den Menschen in NRW, aber auch in unserer Partei. Wir müssen mehr zuhören, was von uns erwartet wird. Wir dürfen nicht bequem sein, sondern müssen die Debatten führen, die zu führen sind. Wir müssen unbequem und vernünftig sein – das zur selben Zeit. Das ist anspruchsvoll, aber anders geht es nicht.

Als Kandidat 2010 für den Landtag

Heute, knapp 20 Jahre nach meinem Parteieintritt, stehe ich bei jedem Wahlkampf am Wahlkampfstand. Ein Parteisoldat eben, würden einige sagen. Aber ich stehe hier und werbe gerne für GRÜNE Ziele. Bei jedem Wetter. Weil ich weiß, dass unsere Ziele wie das Erreichen des 2-Grad-Ziels, das Bekämpfen der sozialen Schieflage und das Abschaffen des Kükenschredderns, Ziele sind, für die es sich lohnt einzusetzen. Ich bin GRÜNER geworden wegen Tschernobyl, dem Waldsterben und der Rheinverschmutzung, wegen Rot-Grüner-Politik, dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht und dem Überwinden der bräsigen Kohl-Ära. Und ich bin auch GRÜNER geworden, um Probleme unserer Zeit zu lösen. Und sei es – wie mir eine ältere Dame ihr Problem am Wahlkampfstand schilderte – dass die abgesenkten Bordsteine für ihren Rollator immer noch zu hoch sind. Ich versprach ihr, zukünftig immer ein Auge darauf zu haben, wenn wieder eine Straße in Bochum saniert wird. Ihr war das sehr wichtig. Denn nur, wenn der Bordstein richtig abgesenkt ist, kann sie selbstbestimmt im Alter leben. Ich hörte zu und verstand.

 

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